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  • Hans Rusinek

Die wahre Chance im Scheitern - über eine verbindende Fehlerkultur

Erstveröffentlichung im Deutschlandfunk


20 Uhr, Berlin-Mitte, urbanes Industrieloft. Die Scheinwerfer der gefüllten Halle sind nach vorne gerichtet, auf einen Mann, der aussieht wie ein personifiziertes BWL-Studium, fünf Semester Highspeed auf zwei Beinen. Er hebt zum Sprechen an, episch zu formulieren vermutlich, aber vom großen Erfolg hören wir dann gar nichts. Vielmehr redet er über sein größtes Scheitern. Wir sind nämlich auf der monatlichen „FuckUp Night“ – Sie entschuldigen diesen Ausdruck, aber dieses Event-Format heißt so. Mutige Unternehmer präsentieren hier ihre größten Fehler und teilen ihre Learnings. Scheitern als Tür zum Erfolg.

So hören wir von einer EU-Richtlinie, die sein Start-up aushebelte, und was er daraus für sein Neues lernen konnte. Gut gescheitert, Löwe! Wir könnten unter dem Eindruck der Loft-Veranstaltung fast denken, dass nur wer scheitert, wirklich Erfolg hat. Und uns fragen, ob die glitzernde Geschäftswelt endlich für Schwächen sensibel geworden ist?


Echtes Scheitern geht anders 


Doch leider weit gefehlt. Denn dieses vordergründige Erfolgsscheitern hat mit dem echten Scheitern nicht so viel zu tun. Große Show, sicherlich gute Tipps von Gründern für Gründer – aber auch eine Verhunzung des Begriffs, die uns die wahre Chance im Scheitern verpassen lässt.

Scheitern ist eben nicht Zutat eines narzisstischen Erfolgsdiskurses, der so gut ankommt, weil am Ende doch jeder gewinnt. Das echte Scheitern ist schon ein bisschen krasser. Das Wort selbst stammt aus der Schifffahrt. Ein Schiff, das „scheitert“, hinterlässt auf dem Meer Holzscheite, Trümmer, Splitter – und sonst nicht viel. Und doch bietet dieses echte krasse Scheitern eine viel größere Chance, als daraus nur die nächste Erfolgsstory zu basteln. Und es wäre gut für uns, diese Chance mit beiden Händen zu ergreifen. 


Zwischen Idealvorstellung und Faktenwelt


Die große Chance beginnt mit dem oft dahingesagten Satz, dass Scheitern eben menschlich sei. Aber Scheitern ist mehr als nur ab und zu ein bisschen menschlich, Scheitern definiert unsere menschliche Existenz. Warum? Weil wir dazu bestimmt sind, uns immer zwischen zwei Welten bewegen zu müssen: einer Welt der Idealvorstellungen, so wie alles sein sollte, und einer Faktenwelt, die schonungslos zeigt, was wirklich der Fall ist. Diese Spannung zwischen beiden Polen definiert unser Leben.

Ich wäre gerne gelassener, optimistischer, verständnisvoller, oder hätte gerne eine bessere Radiostimme – aber mehr geht gerade nicht. „In der Welt sein bedeutet, Leben aushalten zu müssen“, sagte der Schriftsteller Siegfried Lenz. Leben heißt, dass Ideale immer, mal mehr, mal weniger, an der Faktenwelt scheitern.


Scheitern verbindet


Was aber dann passiert, wenn Menschen unser gemeinsames unvermeidliches Scheitern am Ideal anerkennen, das ist das wertvollste Geschenk, das wir uns machen können. Denn dann nehme ich nicht nur in mir den vergeblichen Wunsch wahr, frei zu sein von allem, was sich zwischen meine Ideal- und Faktenwelt drängt: Enttäuschungen, Angst, Spannungen und Gewalt – sondern ich beginne auch, den gleichen Wunsch in meinen Mitmenschen zu erkennen. Wir alle sind als Scheiternde miteinander verbunden. Ich kann zwar nicht dafür sorgen, mich oder andere von diesem Scheitern zu befreien, aber ich kann mit dem Bewusstsein darüber mit anderen in eine neue Form von „Kontakt“ treten. Der oder die Andere bemüht sich ebenfalls und wohl ebenfalls vergeblich, Ideal- und Faktenwelt zusammenzubringen. Aus der unausgesprochenen Annahme dieser Gemeinsamkeit erwächst eine tiefe Solidarität und Empathie, man könnte fast sagen: Liebe.  Das Glück, statt nur der Erfolg, das aus dem Scheitern entstehen kann, ist dann das einer gemeinsam wahrgenommenen Freiheit. Den anderen, wie mich, als Suchenden zu sehen, ermöglicht Empathie anstatt schroffe Reaktionen und Verständnislosigkeiten. Erst jetzt können wir das Visier der anhaltenden Konkurrenz um „Erfolg“ wirklich abnehmen und uns sicher, bestärkt und geborgen fühlen. Ja, aus Scheitern entstehen wirklich Chancen, aber keine Erfolgschancen, sondern Erkenntnischancen. Und ganz am Anfang von meiner kleinen Utopie des Scheiterns stünde die Reflexion über das Wort „Scheitern“, und vor allem die Befreiung von seiner begrifflichen Kurzatmigkeit. 

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